Rede von Klaus Nierhoff, Botschafter der ARCUS-Stiftungsinitiative anlässlich des Empfangs des Landtagsvizepräsidenten Oliver Keymis am 15.2.2008 in Düsseldorf:

nierhoff1.jpgSehr geehrter Herr Landtagsvizepräsident Keymis, sehr geehrte Abgeordnete, liebe Freundinnen und Freunde des Schwulen Netzwerks NRW und der LAG Lesben in NRW!

Ich bin aufgewachsen in Hemer, im Sauerland, zu einer Zeit als das Schwul/Lesbisch-Sein noch nicht erfunden war, jedenfalls nicht in meiner Wahrnehmung. Ich wusste nur, dass bei mir irgendwas “falsch“ lief. Mein Schwulsein blieb bis zu meinem 19. Lebensjahr eine abgespaltene verborgene Innenwelt und nach außen spielte ich das, was von einem richtigen Jungen erwartet wird. Das gelang mir so gut, dass ich das Schau-Spielen zu meinem Beruf machte.

Mit 16 kam in meine Klasse eine ältere Schülerin, die bemerkenswert selbstbewusst auftrat, eine glühende Frauenrechtlerin war und sich als Lesbe outete. Ich war stolz, in ihren Freundeskreis zu kommen und im Nachhinein denke ich: Diese Frau war ein echtes Vorbild. Wir landeten beide zum Studium in Köln und sie half mir bei meinem eigenen Coming-Out. Die damals schon sich entwickelnde lesbisch-schwule Infrastruktur bedeutete für mich eine echte Befreiung.

Was hat sich in den letzten 30 Jahren vieles zum Besseren verändert! Ich bin wirklich dankbar, dass es so vielen engagierten Menschen gelungen ist, Lesben und Schwulen zu Akzeptanz und Sichtbarkeit zu verhelfen. Auf der Berlinale traf ich einen wohlmeinenden Bekannten, der – wie er sagte – eine Menge schwuler Freunde hat. Er bewunderte die vielfältigen Möglichkeiten der Szene und schien sich im schwulen Umfeld wohlzufühlen. Aber unversehens hatte er doch eine Menge auszusetzen. Er fühle sich des Öfteren bedrängt und könne sich der Anmache nicht entziehen. Er wäre schon mehrmals fast handgreiflich geworden, und als er einem angedroht hätte, ihm “eins aufs Maul“ zu geben, hätte der ihm sogar noch gezeigt, wo er hinschlagen soll. “Der stand auch noch da drauf!“ rief mein Bekannter aus und sah mich angewidert an, als wolle er sagen: “Da meint man es so gut mit den Schwulen und dann benehmen sie sich so daneben!“ 

Was ich damit sagen will: Die Schwulen und Lesben sind immer noch auch “die Fremden“. Wir werden immer Freunde und Vorbilder brauchen, die uns durch Kenntnisnahme und Wertschätzung “ins Vertraute“ holen. Und das muss in jeder Generation neu erkämpft werden, dafür brauchen wir Strukturen. Ich möchte an dieser Stelle deswegen auch gerne auf unsere ARCUS-Stiftungsinitiative zu sprechen kommen, deren Botschafter ich bin.

Auf Anregung des Vorstands des Schwulen Netzwerks NRW haben sich vor etwa 5 Jahren schwule Männer und lesbische Frauen zusammengefunden, um eine Stiftungsinitiative auf den Weg zu bringen. Diese Initiative war bereits damals unter anderem der chronischen Unterfinanzierung der schwulen und lesbischen Selbstorganisation durch das Land NRW geschuldet. Nach mehr als 5 Jahren Vorarbeit und vielen intensiven Gesprächen mit allen Fraktionen im Landtag ist es uns nun gelungen, auch ein politisches Bewusstsein für unsere Initiative und die dahinter liegenden Selbsthilfeaktivitäten von Lesben und Schwulen zu schaffen. Es ist uns gelungen, mit den Regierungsfraktionen einen Antrag auf Unterstützung unserer Initiative zu entwickeln. Es ist uns gelungen, die Regierungsfraktionen davon zu überzeugen, dass die Unterstützung unserer Stiftungsinitiative allenfalls eine Ergänzung zur bestehenden Finanzierung der Infrastruktur der beiden Landesverbände Schwules Netzwerk NRW und LAG Lesben in NRW sein kann. Es ist uns gelungen, weitere – auch finanzielle – Unterstützung durch die Landesregierung in dem Antrag von CDU und FDP für die Zukunft offen zu halten.

Nun verfolgen wir sehr aufmerksam die Debatten über unsere Stiftungsinitiative im Landtag und in den Ausschüssen. Wir könnten uns eigentlich freuen, dass das Thema – wie andere gesellschaftlich bedeutsamen Themen auch – so kontrovers diskutiert wird. Das zeugt ja auch ein bisschen von der Normalisierung des gesellschaftlichen Diskurses zu schwul-lesbischen Themen. Andererseits wünschen wir uns doch sehr, dass unsere ARCUS-Stiftungsinitiative in der aktuellen politischen Auseinandersetzung nicht geschwächt wird. Ein so sensibles Thema wie die Wiedergutmachungspolitik gegenüber den in der Vergangenheit verfolgten Lesben und Schwulen taugt aus unserer Sicht nicht zum oppositionellen Streit. Wir wünschen uns daher von unseren Abgeordneten mehr Feingefühl für das politisch derzeit Mögliche und insoweit auch eine breite Unterstützung des vorliegenden Antrags der Regierungsfraktionen.

Dabei wissen wir wohl zu schätzen, dass wir insbesondere die GRÜNEN stets an unserer Seite wussten, wenn es darum ging, Lesben- und Schwulenpolitik zu machen. Deswegen hat das Schwule Netzwerk NRW ja auch bereits Claudia Roth mit der Kompassnadel ausgezeichnet und ehrt in diesem Jahr Volker Beck damit. Beispielhaft haben diese beiden Personen stets auf die Verantwortung des Staates für die Förderung der schwulen und lesbischen Selbstorganisation gedrängt und die Antidiskriminierungs- und Bürgerrechtspolitik vorangetrieben.

Ja, lesbische und schwule Selbsthilfe braucht „vielfältige Unterstützung“, wie es in dem Entschließungsantrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen heißt. Aber momentan geht es uns um einen Schwerpunkt, um die Unterstützung unserer ARCUS-Stiftungsinitiative, die im übrigen aufgrund ihres Vernetzungscharakters nicht „eine unter vielen“ weiteren Stiftungen im schwul-lesbischen Kontext sein wird, sondern bislang einzigartig in Deutschland. Bringen Sie diese Stiftung deswegen gemeinsam mit uns auf den Weg!

In diesem Sinne darf ich mich an dieser Stelle sehr herzlich für Ihre Einladung, Herr Keymis, bedanken und freue mich auf anregende Gespräche!